AZ Freiämter Zeitung 12.01.03

Yak oder Glasscherben: Der Wille zählt viel
Merenschwand: "Agro-Träff" wünscht "Motivation statt Resignation" in der Landwirtschaft
Unverletzt: Barfuss auf Glasscherben stehen ist auch für Landwirte möglich. (Foto: es/AZ)

Motivation statt Resignation haben sich die Freiämter Bauern auf die Fahne geschrieben. Am Freiämter "Agro-Träff" in Merenschwand wurden sie aufgemuntert, die Zukunft auch mit unkonventionellen Methoden anzupacken.

Barfuss über Glasscherben
Am Schluss seiner Ausführungen liess der Motivationstrainer Andreas Lüthi am Freiämter Agro-Träff drei Personen aus dem Publikum barfuss auf Glasscherben stehen. "Ihr könnt das, wenn ihr wollt". Das war das Credo seines ganzen Vortrages: Mutig voran gehen in die Zukunft, sich klare und ehrgeizige Ziele setzen und diese konsequent verfolgen. "Weshalb verkauft ihr euch so billig und lasst euch von Leuten beeinflussen, die von eurem Berufsstand keine Ahnung haben", prangerte er unter anderem Politiker an. Wenn die Bauern ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen, geht es aufwärts, zeigte sich Lüthi überzeugt. "Eine Chance findet der, der die Chance sucht", machte er den Landwirten Mut. Die meisten Menschen hätten keinen Dunst, was ihre Fähigkeiten sind, behauptete der Motivationstrainer. "Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen", erklärte er. "Lerne aus den Fehlern anderer, du lebst nicht lange genug, um alle Fehler selber machen zu können". Und er unterstrich, "dass du der einzige bist, der in deinem Kopf denkt". Niemand steht einem vor dem Glück, "niemand ausser du selber". Man müsse bei sich selber anfangen, wenn sich der Erfolg einstellen soll, man müsse sich gegen die stetige Manipulation von Politikern und Medien, gegen "den Seich" aus dem Fernseher wehren.

Alles beginnt mit einer Idee
Und weil "alles mit einer Idee beginnt", lieferte er den Freiämter Bauern auch gleich ein paar davon, um aus der gegenwärtigen Misere zu kommen: ein Melkseminar für Manager etwa, oder Sommerheuen zum Stressabbau. Fitness und Wellnes auf dem Hof würden sich auch vermarkten lassen, oder Verwöhnwochenende für Senioren. Möglich wäre auch, "das Schöpfli auszuräumen und eine Beiz daraus zu machen". So oder so: "Wenn du die Welt verändern willst, beginne bei dir selbst", zitierte er und mahnte: "Gib niemals auf".

Yak-Züchter im Wallis
Einer, der nicht nur Sprüche klopfte, sondern einen anderen Weg konkret umsetzt, ist Daniel Wismer aus Embhd im Wallis. Der Flachländer, der auch schon im Oberfreiamt arbeitete, begann nach einer Weltreise im Wallis auf einem kleine, stotzigen Heimetli auf 1650 Meter über Meer Yak, tibetische Hochlandrinder, zu züchten. Am Anfang hätten viele gesagt, "spinnsch, das goht doch ned". Und ein Walliser Bauer habe erklärt, das sei etwa so, wie wenn er "Leuen auf die Alp bringen würde". Doch der Erfolg gibt dem langhaarigen blonden Bauern recht: Er hat mit 1,7 Hektaren und einer Kuh angefangen, jetzt bewirtschaftet er 32 Hektaren, pflegt 44 Yak, ein Zebu, 16 Pfauen "und sonst noch einen halben Zoo". Heute kommen die Leute aus halb Europa, um ihn zu besuchen und Yak-Trekking-Touren fast wie in Nepal zu unternehmen. "So 400 Übernachtungen haben wir inzwischen pro Jahr", freut er sich.

Eigenwillige Tiere
Geschenkt wurde Wismer der Erfolg nicht. Das nur zu Fuss erreichbare Heimetli oberhalb des 300 Einwohner zählenden Dorfes Embd war zwar "Liebe auf den ersten Blick", der erste Versuch mit einer Walliser Ehringer-Kuh aber ernüchternd: "Ich habe gemerkt, der Cheib frisst nur und gibt keine Milch". Dann hat Wismer aus einem Zirkus das erste, 26-jährige Yak gekauft und per Helikopter auf seine Weide fliegen lassen. "Es gab Leute, die sagten, aus so altem Fleisch könne man vielleicht noch Keilriemen machen". Aber das Yak-Trockenfleisch verkaufte sich problemlos, für 95 Franken das Kilo. Und die begonnene Zucht liess sich gut an. Yak sind ausserordentlich genügsame Tiere, trittsicher und weitgehend frostunempfindlich, "wenn auch sehr eigenwillig". Deshalb müssen sie für die angebotenen Trekking-Touren trainiert werden. Dafür holt Wismer im Sommer einen Sherpa aus dem fernen Nepal, um die Yak abzurichten. Der Trekk selber führt über den 2894 Meter hohen Augstbordpass. Auf diesem alten Römerweg erlebt man eine praktisch unberührte Bergwelt. Für sich sieht Wismer die Zukunft rosig: Yak-Fleisch ist gefragt, seine Erlebnistouren ebenfalls, er hat in einen neuen Stall investiert und das eines der drei Häuser auf der Alp zum modernen Ferienhaus umgebaut.

Landwirtschaft verändert sich
Es müssen ja nicht Yak zwischen Lindenberg und Reuss weiden. Die beiden jungen Bauern Michael Lang, Aristau, und Christian Keusch, Boswil, sowie das Mühlauer Bauernehepaar Peter und Helen Suter erklärten unter der Moderation von Othmar Vollenweider, wie und wo sie ihre persönliche Zukunft in der Landwirtschaft sehen. "Die Landwirtschaft verändert sich, wir müssen bereit sein und und selber verändern, dann sind wir dabei", stellte Peter Suter fest.

Organisiert hatten der zweite Agro-Träff der Freiämter Landwirtschaftsverein und die Landfrauen und Bäuerinnen. Musikalisch umrahmt wurde er vom Schülerchor Merenschwand, und nach dem Mittagessen sorgte "Schösu" für viele Lacher. (az/es/heh)