Aargauer Zeitung | Ausgabe vom 12.01.2009 EDDY SCHAMBRON

Josef Schmid: "Plötzlich ging nichts mehr"

FREIÄMTER AGRO-TRÄFF

Landwirte befassten sich mit dem Burnout-Syndrom. Die Krankheit kann jeden treffen und hat massive Auswirkungen auf die Familie.

Eines Tages kam das Aus:
Der Landwirt und Lehrer Josef Schmid aus Birri, der frühere Radiomann Ruedi Josuran und der Bauer Markus Kuhn aus Dietwil erzählten am Freiämter Agro-Träff in Benzenschwil von ihrem Burnout-Syndrom. Sie machten damit "eine unsichtbare Krankheit sichtbar".

Zuerst versuchte Sepp Schmid zu Hause wieder auf die Beine zu kommen, nachdem plötzlich, vor seiner Klasse an der Wandtafel in Sins stehend, gar nichts mehr ging. Doch erst ein stationärer Aufenthalt in der Klinik Barmelweid brachte Erleichterung. "Ich schaute alles aus einer völlig negativen Warte aus an", erinnert sich der Ingenieur-Agronom und initative Bauer mit Zweitausbildung als Oberstufenlehrer. "In dieser Situation ist für den Betroffenen Selbstmord eine Lösung." Schmid macht kein Geheimniss daraus, dass bei ihm die Suizidgefahr enorm hoch war. Diese ungeheure Verzweiflung, das ständige Versagen selbst an kleinen Aufgaben, die Selbstzweifel, die Bestandteil des Burnout-Syndroms sind, bedeuten aber auch für das Umfeld, für die Familie eine enorme Belastung. "Es ist für den Betroffenen und auch für die Familie besser, wenn er weggeht in eine Klinik und sich fachliche Hilfe holt", betont Sepp Schmid. Es sei nicht möglich, dass beispielsweise der Ehepartner für einen sorgen kann. Man sei in einer akuten Burn-out-Phase für Ratschläge oder Hilfe nicht ansprechbar. "Die Gefahr, dass der Ehepartner bei der gut gemeinten Hilfe selber draufgeht, ist zu gross." Die Symptome sind denjenigen einer tiefen Depression sehr ähnlich.

ZUVIEL DRUCK
Ruedi Josuran, bis im Frühling 2008 Moderator beim Schweizer Radio DRS1, kennt das Burnout-Syndrom aus eigener Erfahrung. Er arbeitet heute als ausgebildeter Personal-Coach mit Schwerpunkt Krisenintervention. "Der Begriff Burnout-Syndrom wird fast inflationär verwendet. Burnout ist aber mehr als ein paar schlechte Tage." Wenn jemand über längere Zeit mehr Energie gibt, als er hereinnimmt, läuft er Gefahr, auszubrennen. "Burnout ist nicht zufällig bei jenen häufig, die sich gerne und gut engagieren." Wenn die Anforderungen und Verpflichtungen zu gross werden, geht plötzlich gar nichts mehr. "Höchsten Anforderungen zu genügen, ist kurzzeitig möglich. Wer sich das länger zumutet, erhält irgendeinmal die Rechnung." Dabei sei es nicht so, dass die Forderungen immer diktiert sind, hat er PersonalCoach in seiner Beratungstätigkeit festgestellt. "Meistens kommt der Druck, der zu einem Burnout führt, vom Betroffenen selber." Josuran mahnte deshalb die Zuhörerinnen und Zuhörer, mit der eigenen Energie sorgsam umzugehen und sich Freiräume zu gönnen. Es sei sinnvoll, Nein sagen zu lernen. "Wer nicht selber die Grenzen setzt, dem setzt die Gesundheit die Grenzen." Jeder vierte Mensch, sagt die Statis-tik, wird einmal im Leben mit einer solchen Phase konfrontiert.

AUSZEIT WURDE NÖTIG
So einer war auch der Landwirt Markus Kuhn aus Dietwil. In einem Filmbeitrag von Michael Werder berichtete er, wie er den Hof ausbaute, eine Aufgabe nach der anderen packte und plötzlich nicht mehr konnte. "Ich glaubte, Burnout sei etwas für Manager", sagt er im Film. Dass es ihn treffen könnte, hätte er nicht im Traum gedacht. Aber als er neben dem Traktor kotzen musste, als er nachts keine Ruhe mehr fand, Tag für Tag immer rumtigerte und seine Arbeit trotzdem nicht mehr verrichten konnte, erlebte er, was ein Burnout-Syndrom bedeutet. Er hat sich schliesslich ärztliche Hilfe geholt, hat drei Wochen weit weg vom Hof Distanz und Erholung gesucht und gefunden. Aber vorbei ist die Krankheit für ihn noch nicht, wie er am Freiämter Agro-Träff einräumte. "Ich muss noch den richtigen Ausgleich zur Arbeit finden." Dieser Ausgleich ist wichtig, um die persönliche Energiebilanz im Gleichgewicht zu halten. "Das Leben soll so gut wie möglich dem eigenen Rhythmus entsprechen", sagt auch Josuran."

HILFE HOLEN
Auch mit seinem Buch "Mittendrin und nicht dabei" will Josuran offen über das Burnout-Syndrom reden, "damit es weniger passiert". Er plädiert dafür, frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. "Das ist keine Schande, diese Hilfe steht mir zu." Wer die akute Phase eines Burnout-Syndroms - drei bis sechs Wochen - überstanden hat, kann die Krankheit nicht einfach abhaken. "Vielleicht sind nicht alle Symptome weg, vielleicht braucht man medikamentöse Unterstütztung, aber man kann den Umgang mit dieser Krankheit lernen, die Einstellung dazu finden. Man kann auf die Signale achten und reagieren", führte Ruedi Josuran weiter aus. Die Angst vor einem Rückfall tauche immer wieder auf, lege sich aber immer mehr, je weiter zurück die akute Phase der Krankheit liege. "Aber ein gewisses Restrisiko bleibt."

"Man vergisst oft, nach dem Erreichen eines Ziels sich selber auf die Schulter zu klopfen. Stattdessen nimmt man schon wieder das nächs-te Ziel ins Visier", meinte ein Bauer in der anschliessenden Diskussion. Er hat für sich beschlossen, es umgekehrt zu machen.

 

Time-out - die Strategie dagegen

Wie man einem Burnout-Syndrom vorbeugt

Thomas und Judith Rüttimann aus Abtwil haben ihren Betrieb auf saisonales Abkalben umgestellt. Das gibt mehr Freiraum und mindert den Druck, wie sie zum Thema "Time-out" im Film vom Michael Werder auf Fragen von Othmar Vollenweider, Präsident des Freiämter Landwirtschaftsvereins, antworten. Josef und Edith Villiger aus Sins sind Biobauern. "Der Kontakt nach aussen ist wichtig", sagt die Bäuerin. Ihr Mann engagiert sich auch in der Schulpflege und findet darin einen Ausgleich zur Arbeit auf dem Hof. Jedes Jahr gibt es zudem eine Woche Ferien. Auch Es-ther und Franz Hagenbuch wollen ihre Ferien nicht missen und ergänzen, dass geistige Arbeit ein guter Ausgleich sein kann. Margrit Huber aus Fenkrieden, "Bäuerin in Pension", erfreut sich am Garten und an den Enkelkindern. Ralf Bucher wiederum, der Geschäftsführer des Aargauer Bauernverbandes, versucht, die Anforderungen des Lebens positiv zu sehen. (es)