WA / BBA 13.01.2009 Autor: Chregi Hansen
«Manchmal ist weniger mehr»
Für die Schweizer Bauern wird der
Überlebenskampf immer härter. Einige brechen unter dem
zunehmenden Druck zusammen. Am traditionellen Agro-Träff gab es
dazu eindrückliche Erfahrungsberichte und viele Tipps, wie sich
das Ausbrennen verhindern lässt.
«Ich dachte immer, von Burn-out sind nur Manager
betroffen», erklärte Markus Kuhn. «Erst wenn man
selber drinsteckt, merkt man, dass das nicht stimmt.» Der
Landwirt aus Dietwil ist vor einigen Jahren in eine Krise geraten
und sucht heute noch nach Rezepten, um mit dem zunehmenden
Druck in seinem Beruf umzugehen.
Markus Kuhn war einer von zwei Bauern, die den Mut hatten, am
Agro-Träff öffentlich und vor ganz vielen Berufskollegen
über ihr Schicksal zu sprechen. Der andere war Josef Schmid, der
in eindrücklichen und schonungslosen Worten seinen Weg in die
Krise schilderte. Der Agronom und Landwirt aus Birri hat Ende der
90er-Jahre zusätzlich eine Ausbildung zum Lehrer begonnen, um
die Existenz seiner Familie und die der Betriebsgemeinschaft besser
abzustützen. Doch mit der Zeit wurde ihm alles zu viel, brachte
er Ausbildung, die Arbeit auf dem Hof und die erste Anstellung als
Lehrer nicht mehr unter einen Hut.
Von einem Tag auf den anderen ging nichts mehr
«Es hat sich viel angestaut. In dem Moment, in dem ich die Diplomarbeit abgab, brach alles zusammen. Ich stand an der Wandtafel und konnte den Schülern nichts mehr erklären», berichtete er. Es folgten Wochen der Schlaflosigkeit und der Existenzängste, in denen Schmid alles zu viel war. «Ich sah durchs Fenster die anderen Bauern schuften, und selber konnte ich nicht einmal mehr eine Kiste Holz reintragen», so Schmid. Er nahm Medikamente, es folgten Klinikaufenthalte und schliesslich ein Kuraufenthalt in der Barmelweid. «Man muss eine Hemmschwelle überwinden, um in eine Klinik zu gehen, aber es ist ein wichtiger Entscheid, weil man so die Verantwortung abgeben kann. Die Familie allein ist mit dem Problem überfordert.»
Der Tod als verlockender Ausweg?
Schmid hat festgestellt, dass er nicht der einzige Landwirt ist, der von Burn-out betroffen ist. «Bauern müssen von morgens bis abends für wenig Geld schuften. Und trotzdem heisst es immer, die Landwirtschaft sei zu teuer. Darunter leidet mit der Zeit jeder», kritisierte er. Er habe inzwischen von einigen Fällen gehört, in denen es zum Selbstmord kam. «Man kann sich nicht vorstellen, wie man in einer solchen Situation leidet. Die Schmerzen sind grausam. Da kann der Tod schon als verlockender Ausweg erscheinen.» Darum, so Schmid, sei es wichtig, auf das Problem aufmerksam zu machen. Genau darum sagte er für den Auftritt am Agro-Träff zu.
Ebenfalls schon von einem Burn-out betroffen war ein Mann, von dem viele nur die Stimme kennen: der frühere Radiomoderator Ruedi Josuran. Inzwischen hat er ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben und arbeitet als Krisencoach. «Ausbrennen kann nur, wer einmal gebrannt hat. Vom Burn-out sind immer engagierte Menschen betroffen, die mit Herzblut bei der Sache waren», erklärte er in Benzenschwil.
«Das Leiden bagatellisiert»
Dabei sei es wichtig zu unterscheiden: Nicht jeder, der sich erschöpft fühlt, sei von Burn-out betroffen. «Leider wird der Ausdruck heute inflationär verwendet und damit das Leiden bagatellisiert», kritisierte er. Betroffen seien Menschen, die über längere Zeit mehr Energie ausgeben, als sie einnehmen. «Das kann auf die Dauer nicht gut gehen.» Oft seien es Menschen, die sich im Beruf für unersetzlich halten und sich darum keine Pausen gönnen. Wenn sie dann aber wirklich ausfallen, sei auch niemandem gedient. «Manchmal ist weniger mehr», mahnte er die Anwesenden. Wichtig sei, rechtzeitig Hilfe zu holen. Dazu müsse man lernen, wieder mehr auf sich zu achten, aber auch sensibel zu sein für die Situation des Gegenübers. Und man solle sich nicht schämen, denn treffen könne es jeden.
Eines der grössten Probleme sei, dass das Leiden unsichtbar sei. «Wenn einer ein Bein bricht, sieht jeder, warum er nicht arbeiten kann. Bei einem Burn-out ist von aussen nichts zu sehen, das macht es doppelt schwierig», erzählte Brigitte Kuhn, die Frau von Markus Kuhn.
Unsichtbares sichtbar machen
Auch darum findet es Josuran sinnvoll, dass sich der Agro-Träff dem Thema widmet. «Es geht darum, unsichtbares Leiden endlich sichtbar zu machen», sagte er. Wichtig sei die Balance zwischen Leistung und Erholung. Nicht umsonst hätten die Bauern früher feste Rhythmen gehabt, nach denen sie lebten. An die müsse man sich wieder vermehrt erinnern.
Passend dazu trug das anschliessende Mittagessen zur Erholung bei. Und danach sorgte Philipp Galizia dafür, dass der Agro-Träff in Benzenschwil nach der schweren Kost am Morgen doch noch leicht und bekömmlich endete.